Mit Fingerspitzengefühl und besonderer Sorgfalt wurde die aktuelle TURNWELT DREI erstellt. Noch nie haben so viele Menschen daran mitgearbeitet. Denn sie widmet sich mit Grooming und (sexualisierter) Gewalt im Sport(verein) sensiblen Themen. Dennoch ist es wichtig, diese sichtbar zu machen und Schatten auszuleuchten. Das weiß auch NTB-Geschäftsführer Marcus Trienen.
„Unsere klare Haltung ist: Wir müssen offen mit dem gesellschaftlichen Phänomen der Gewalt, insbesondere der sexuellen Gewalt, umgehen. Denn nur mit dieser Offenheit und einer 'Lichtersituation' haben wir die Chance, Gewaltübergriffe so unmöglich wie möglich zu machen“, erzählt Trienen im Interview.
Denn auch wissenschaftliche Studien zeigen: Das, was Täterinnen und Täter am meisten hemmt, ist der offene Umgang mit Gewalt und sexualisierter Gewalt in den Organisationen. Genau dieser offene Umgang soll mit den Beiträgen der aktuellen TURNWELT DREI gefördert werden.
Echte Geschichten sichtbar machen
Dabei erfolgt keine rein abstrakte Auseinandersetzung mit dem Thema, sondern es werden echte Geschichten erzählt. Dies war auch die besondere Herausforderung im Entstehungsprozess dieser Ausgabe. Der Schutz der Persönlichkeitsrechte der Betroffenen stand an oberster Stelle, um sie weder neuen Gefahren auszusetzen noch rein auf eine Opferrolle zu reduzieren. Gleichzeitig galt es, Gerüchten und Vorannahmen innerhalb der Vereinsgemeinschaften vorzubeugen, da aus Erzählungen schnell Spekulationen darüber entstehen, wo und durch wen etwas vorgefallen sein könnte.
Hohe Verantwortung der Vereine und Verbände
Für die Zukunft wünscht sich Marcus Trienen von den Vereinen und Verbänden vor allem Mut zur Transparenz und die Anerkennung der eigenen Unvollkommenheit. „Ich wünsche mir einen offenen, möglichst transparenten Umgang und das Verständnis, dass wir da wirklich eine Verantwortung haben“, sagt er. Vereine seien keine perfekten Organisationen, und man müsse dazu stehen, dass Dinge passieren können, um dann die richtigen Schritte einzuleiten. Der Schutz von Kindern und Jugendlichen gehöre untrennbar zur Aufgabe von Organisationen, die für junge Menschen so attraktiv sind.
Klare Regeln im Trainingsalltag
Klare Regeln im Training sind ein erster Schritt in die richtige Richtung. Gerade im Turnen ist der Trainingsalltag durch körperliche Nähe, Hilfestellungen und intensive Betreuung geprägt. Eine der wichtigsten Regeln lautet daher: Keine Einzelsituationen, kein Eins-zu-eins-Verhältnis. „Das ist der gefährlichste Moment, und da wollen wir einfach, dass das gar nicht stattfindet“, stellt Trienen klar, um Missverständnisse und Grauzonen von vornherein auszuschließen.
Auch beim Thema Hilfestellung gibt es immer wieder Missverständnisse und Bedenken. Was ist ok? Was ist nicht ok? Dabei ist das ganz einfach: “Wenn erklärt wird, wie die Hilfestellung aussieht und warum diese notwendig ist, dann hat der Sportler oder die Sportlerin die Chance zu sagen, ob das in Ordnung ist oder nicht. Und ein ‚nicht okay‘ ist okay.“
Der wirksame Schutz vor (sexualisierter) Gewalt kann letztlich nur durch solche klaren Regeln, den Mut zur Transparenz und eine Kultur des Hinsehens gelingen. Als Organisationen, die von Gemeinschaft und engen Beziehungen leben, ziehe man leider auch Personen an, die genau diese Strukturen für Missbrauch nutzen wollen. Umso wichtiger bleibt es, unermüdlich hinzusehen.
